„Die alte Hütte kann man nur noch abreißen!“

Besuch unseres Restaurierungsobjektes in Nürtingen.


Vielleicht dachte sich dies der eine oder andere Passant vor gar nicht allzu langer Zeit. Die Bauherrin Michaela Binder-Diez sah das offensichtlich ganz anders. Und nun, da wir uns mit der Restaurierung des kleinen Wohnhauses auf der Zielgeraden befinden, scheint sich ihr Optimismus zu bewahrheiten. Doch der Reihe nach.


Begonnen hatte die Beziehung von Michaela Binder-Diez zu dem 1836 erbauten Haus eher unspektakulär, denn nach dem Kauf wurde das sichtlich in die Jahre gekommene Gebäude erst einmal vermietet. Ein ausgezogener Mieter, sich ändernde Lebensumstände, aber auch der Wunsch nach etwas „Eigenem“ für sich und ihren 12jährigen Sohn – dies alles gab den Anstoß, dem Gebäude eine grundlegende Verjüngungskur zu spendieren. Und zu tun gab es dann schließlich auch mehr als genug…


Da war das Problem der aufsteigenden Feuchtigkeit in den aus Naturstein gemauerten Kellerwänden sowie im Außensockel, welche bereits den unteren Abschluß der Fachwerkkonstruktion sowie die Holzbalkendecke des Kellers angegriffen hatte. Der teilweise Austausch von Fachwerk und Mauerwerk waren erforderlich; die Kellerdecke musste ebenfalls ersetzt werden. Der Natursteinsockel wird zukünftig übrigens nur noch verfugt, aber nicht mehr verputzt werden – die Feuchtigkeit soll möglichst schnell entweichen können.


Auch das Dach bereitete Kummer, denn durch die niedrigen Schrägen war hier kein Wohnen möglich: Es wurde abgetragen und komplett neu errichtet. Allerdings mit einer moderaten Erhöhung, welche den Charakter des Gebäudes jedoch nicht entstellt und die optische Harmonie mit den Nachbarhäusern bewahrt.

Natürlich werden im Zuge der Restaurierung alle Installationen erneuert. Auch die Fassade wird isoliert werden, und für die Wärme sorgen fortan eine Luft-Wärmepumpe mit Fußbodenheizung. Ein weiteres ökologisches Detail besteht in der Regenwasserzisterne, die aus zwei transportablen Bauteilen besteht. Sie wird durch die Kellerluke im Boden in einen der beiden Kellerräume geschafft und aufgestellt werden – dieser Bereich wird voraussichtlich kaum benötigt werden. Dass im Ober- und im Erdgeschoß zwei zeitgemäße Badezimmer entstehen werden, dürfte hingegen bei einer Wohnfläche von knapp 100 Quadratmeter indes eher keine Selbstverständlichkeit darstellen.


Die Raumeinteilung wurde geschickt optimiert: So wurde ein an das Haus angebauter Schuppen/Hühnerstall abgebrochen und in der bisherigen Form neu errichtet. Er wird zukünftig als Eingangsbereich fungieren, aber auch ein zusätzliches kleines Zimmer schaffen. Im Obergeschoß konnte ein abgetrennter Bereich für Waschmaschine und Trockner geschaffen werden, und das Zimmer des Sohnes ist sogar zweistöckig und besitzt eine kleine Empore direkt unter dem First. Als architektonische Hingucker wurden im Erdgeschoß zudem zwei Flächen mit sichtbarem Fachwerk belassen.


Der Zeitplan ist sportlich: Zwischen den ersten Abbrucharbeiten im Dezember 2020 und dem zum 1. November 2021 geplanten Einzug wird nicht einmal ein Jahr vergangen sein – und dies trotz Covid, gestörten Lieferketten und allerorts fehlenden Fachkräften…


Michaela Binder-Diez, die passenderweise an der örtlichen Hochschule für Wirtschaft und Umwelt arbeitet, hat erkannt, daß praktizierter Umweltschutz nicht in einem modernen, sterilen Neubau am Ortsrand besteht, sondern dass dies viel besser mit der Sanierung eines bestehenden Gebäudes erreicht werden kann – geschieht solches doch ohne zusätzlichen Flächenverbrauch und mit einem überschaubaren Verbrauch von Ressourcen. Belohnt wird sie dafür mit einer unvergleichlichen Atmosphäre und einer zentralen, aber vollkommen ruhigen Wohnlage in der Mitte von Nürtingen.


Zum Interview mit der Bauherrin.